EFFODIMUS  TERRA  NON  ABSQUE  LABORE  METALLA

Abitur 1958 an der RKS

EXCOLE  TU  MENTES  HOC  OPUS  HIC  LABOR  EST

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Von der Ostsee in den Harz

Karte: Eva Kotowski

Meine Einschulung erlebte ich im Herbst 1944 in Transau im Samland / Ostpreußen mit einer von meiner Mutter liebevoll gebastelten und gefüllten Zuckertüte; dort hatten wir vor den Bombenangriffen in Königsberg Zuflucht gefunden.

Dann die lange Flucht nach Sachsen und undeutliche Erinnerungen an ein großes, helles Klassenzimmer mit vielen traditionellen "Bank-Tischen" mit eingelassener Ablage und Tintenfaß. Das ekelhafte Geräusch von quietschendem Griffel auf der Schiefertafel taucht auf, und die immer noch fühlbare Abneigung, auf der Tafel zu schreiben und sie zu säubern.

Es gab ein Lesebuch mit Bildern, das uns Buchstabe für Buchstabe mit dem Alphabet vertraut machte. Im Ohr habe ich noch das mühsame Lautieren von m und i zu mi, was dann auf einmal wie von selbst ging und zu rechter und dauerhafter Freude am Lesen geführt hat.

Erinnerungen folgen an den Herbst und eisigen Winter 1946/47 in Grimma, an ein riesiges, dunkles Gebäude mit kalten, kahlen Gängen und einem unfreundlichen Klassenraum, in dem wir - nachdem die Schule den Januar über der Kälte wegen geschlossen wurde - im Februar bei offenen Fenstern lernten, weil die Luft von draußen uns weniger eisig erschien.

Es muß auch noch das Frühjahr und den Sommer '47 dort gegeben haben, aber was die Schule anbelangt, gibt es da keine Erinnerung, nur die Schulwege auf klappernden, aber luftigen, Holzsandalen und das Bild einer liebevoll freundlichen Lehrerin tauchen noch auf.

Grimma in Sachsen folgten nach einer beängstigenden nächtlichen Flucht über die russ. Grenze bei Ilsenburg zwei Jahre Volksschule in Clausthal-Zellerfeld und dann der Wechsel zur Robert-Koch-Schule, der örtlichen Oberschule.

Meine Mutter hatte in Clausthal in der Bibliothek des Gmelin-Instituts Arbeit gefunden, und da alle Gmelinmitarbeiter mit ihren Familien auf dem ausgedehnten, verwilderten Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik untergebracht waren, entstand eine verschworene Gemeinschaft von Kindern der verschiedensten Altersgruppen.

Unsere Wohnhäuser auf dem verwilderten Gelände

 einer ehemaligen Munitionsfabrik

Das verlassene Militärgelände bot die verlockendsten Möglichkeiten zu abenteuerlichen Spielen, und es dauerte nicht lange, bis wir uns eine Budenstadt mit Häusern, Wegen und kleinen Gärten angelegt hatten, über eine Geheimsprache und einen Verhaltenskodex verfügten und, auf mit Rädern und Deichsel versehenen besseren "Flößen", wilde Wettfahrten auf abschüssigen Wegen veranstalteten. Erst als Heinz Lehl vom Wagen fiel und der Arzt eine Gehirnerschütterung nicht ausschloß, setzten die Eltern diesem Vergnügen abrupt ein Ende.

Die Schule lief nebenher und wir, vier der Gmelinkinder in einer Klasse, waren uns einig, daß, wenn wir nur wollten, wir überall die erfreulichsten Noten hätten erreichen können. Doch unser Budenleben war uns wichtiger, und so trugen wir auch auftretende Mißerfolge mit, bei Winnetou und Old Shatterhand abgeguckter, Gelassenheit.

Ulle und Eva im Banne von Karl May

Im Banne von Karl May

Ulle (Hadschi Halef Omar) und Eva (Kara Ben Nemsi)

Wunderbar auch die langen Hin- und Rückwege zur Schule, auf denen wir im Frühjahr nach dem ersten blühenden Huflattich ausschauten, uns Geschichten ausdachten, Lieder sangen - wie hat das "kleine Rendezvous im Regen" uns so manchen nassen, ungemütlichen Heimweg verkürzt - oder Balladen, wie den Archibald Douglas, auf das Dramatischste gestalteten.

Erinnerungen an die Schule selbst sind mir eigentlich vor allem an Kunst und Musik geblieben.

Toni Schauer, die sich immer wieder ans Klavier setzte, mit uns sang und uns die anrührendsten Lieder und Arien vortrug: von Tom, dem Reimer, von Archibald Douglas natürlich auch, über Herrn Heinrich, der so still und wohlvergnügt am Vogelherd sitzt, bis zu dem dramatischen "Ach, ich habe sie verloren, all' mein Glück ist nun dahin".

Wir haben die Theorie nicht vermißt und fühlten uns mit der C-Dur Tonleiter, die Toni uns irgendwann und irgendwie vermittelt hatte, wohl versorgt.

Auch der Kunstunterricht hat bleibende Erinnerungen hinterlassen.

Meine Freundin Eva hatte große Freude am Malen, an Tusch- und Federzeichnungen. Wenn wir nachmittags unsere erdachten Geschichten mit Bildern versahen, gelangen meine eigenen Versuche, mit ihrer Beratung, durchaus zu meiner Zufriedenheit.

In der Schule sah es dann schon anders aus, nicht immer gelang es mir, zu den verschiedenen Aufgabenstellungen vorweisbare Bilder zu fertigen, die sich unser Kunsterzieher Egon Ossig, auf einer mittelhohen Trittleiter sitzend, in meiner Mappe geordnet vor den Zeugnissen zur Beurteilung zeigen ließ.

Da gab es Blätter aus dem Bereich Erfahrung und Wissen, bei denen die äußere Form bis auf den Millimeter festgelegt war, und für deren Gestaltung die verschiedensten Kunstschriften erlernt werden mußten. Hierfür reichte es, willig und fleißig zu sein, während für die frei zu gestaltenden Bilder eigene künstlerische Fähigkeiten zur Verfügung stehen mußten, wenn nicht, wie von mir, ausrangierte Bilder der begabten und freigebigen Freundin genutzt werden konnten.

Dem Einfallsreichtum dieses Lehrers verdankte die Schule einen ungewöhnlichen, übermannsgroßen Adventskalender, der aus 24 drehbaren Holztafeln zusammengesetzt war. In jede Tafel war auf eine Seite ein weihnachtliches Motiv und eine Zahl geschnitzt, während sich die Rückseite bunt bemalt zeigte. Die Entwürfe dazu hatten die verschiedenen Klassen erarbeitet und den gelungensten dann von einem Könner auf das Holz übertragen lassen.

Das Prachtstück stand, mit Tannenzweigen geschmückt, über die Adventszeit hin im Eingangsbereich der Schule. Jeden Morgen trafen sich Schüler und Lehrer rundherum und auf der seitlichen Treppe zum Adventssingen und Türumdrehen, während die Adventskerzen brannten.

Dona nobis pacem im Kanon; es tönte so feierlich durch das Schulgebäude.

Oberursel, den 24. September 2006

Ursula Deutschmann

(Ulle Winnat)

 

 

Robert Koch, geboren in Clausthal
Robert Koch wurde am 11.12.1843
in Clausthal geboren und starb am
27.05.1910 in Baden-Baden
 Das Wappen von Clausthal

Das Clausthaler Wappen