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Karte:
Eva Kotowski
Meine Einschulung erlebte ich im Herbst 1944 in Transau im Samland
/ Ostpreußen mit einer von meiner Mutter liebevoll gebastelten und gefüllten Zuckertüte;
dort hatten wir vor den Bombenangriffen in Königsberg Zuflucht gefunden.
Dann die lange Flucht nach Sachsen und undeutliche Erinnerungen an ein
großes, helles Klassenzimmer mit vielen traditionellen "Bank-Tischen" mit
eingelassener Ablage und Tintenfaß. Das ekelhafte Geräusch von quietschendem Griffel auf
der Schiefertafel taucht auf, und die immer noch fühlbare Abneigung, auf der Tafel zu
schreiben und sie zu säubern.
Es gab ein Lesebuch mit Bildern, das uns Buchstabe für Buchstabe mit dem
Alphabet vertraut machte. Im Ohr habe ich noch das mühsame Lautieren von m und i zu mi,
was dann auf einmal wie von selbst ging und zu rechter und dauerhafter Freude am Lesen
geführt hat.
Erinnerungen folgen an den Herbst und eisigen Winter 1946/47 in Grimma,
an ein riesiges, dunkles Gebäude mit kalten, kahlen Gängen und einem unfreundlichen
Klassenraum, in dem wir - nachdem die Schule den Januar über der Kälte wegen geschlossen
wurde - im Februar bei offenen Fenstern lernten, weil die Luft von draußen uns weniger
eisig erschien.
Es muß auch noch das Frühjahr und den Sommer '47 dort gegeben haben,
aber was die Schule anbelangt, gibt es da keine Erinnerung, nur die Schulwege auf
klappernden, aber luftigen, Holzsandalen und das Bild einer liebevoll freundlichen
Lehrerin tauchen noch auf.
Grimma in Sachsen folgten nach einer beängstigenden nächtlichen Flucht
über die russ. Grenze bei Ilsenburg zwei Jahre Volksschule in Clausthal-Zellerfeld
und dann der Wechsel zur Robert-Koch-Schule, der örtlichen
Oberschule.
Meine
Mutter hatte in Clausthal in der Bibliothek des Gmelin-Instituts Arbeit gefunden, und da
alle Gmelinmitarbeiter mit ihren Familien auf dem ausgedehnten, verwilderten Gelände
einer ehemaligen Munitionsfabrik untergebracht waren, entstand eine verschworene
Gemeinschaft von Kindern der verschiedensten Altersgruppen.

Unsere
Wohnhäuser auf dem verwilderten Gelände
einer
ehemaligen Munitionsfabrik
Das verlassene
Militärgelände bot die verlockendsten Möglichkeiten zu abenteuerlichen Spielen, und es
dauerte nicht lange, bis wir uns eine Budenstadt mit Häusern, Wegen und kleinen Gärten
angelegt hatten, über eine Geheimsprache und einen Verhaltenskodex verfügten und, auf
mit Rädern und Deichsel versehenen besseren "Flößen", wilde Wettfahrten auf
abschüssigen Wegen veranstalteten. Erst als Heinz Lehl vom Wagen fiel und der Arzt eine
Gehirnerschütterung nicht ausschloß, setzten die Eltern diesem Vergnügen abrupt ein
Ende.
Die
Schule lief nebenher und wir, vier der Gmelinkinder in einer Klasse, waren uns einig,
daß, wenn wir nur wollten, wir überall die erfreulichsten Noten hätten erreichen
können. Doch unser Budenleben war uns wichtiger, und so trugen wir auch auftretende
Mißerfolge mit, bei Winnetou und Old Shatterhand abgeguckter, Gelassenheit.

Im Banne von Karl May
Ulle (Hadschi Halef Omar) und Eva (Kara Ben
Nemsi)
Wunderbar
auch die langen Hin- und Rückwege zur Schule, auf denen wir im Frühjahr nach dem ersten
blühenden Huflattich ausschauten, uns Geschichten ausdachten, Lieder sangen - wie hat das
"kleine Rendezvous im Regen" uns so manchen nassen, ungemütlichen Heimweg
verkürzt - oder Balladen, wie den Archibald Douglas, auf das Dramatischste gestalteten.
Erinnerungen
an die Schule selbst sind mir eigentlich vor allem an Kunst und Musik geblieben.
Toni
Schauer, die sich immer wieder ans Klavier setzte, mit uns sang und uns die anrührendsten
Lieder und Arien vortrug: von Tom, dem Reimer, von Archibald Douglas natürlich auch,
über Herrn Heinrich, der so still und wohlvergnügt am Vogelherd sitzt, bis zu dem
dramatischen "Ach, ich habe sie verloren, all' mein Glück ist nun dahin".
Wir
haben die Theorie nicht vermißt und fühlten uns mit der C-Dur Tonleiter, die Toni uns
irgendwann und irgendwie vermittelt hatte, wohl versorgt.
Auch der
Kunstunterricht hat bleibende Erinnerungen hinterlassen.
Meine
Freundin Eva hatte große Freude am Malen, an Tusch- und Federzeichnungen. Wenn wir
nachmittags unsere erdachten Geschichten mit Bildern versahen, gelangen meine eigenen
Versuche, mit ihrer Beratung, durchaus zu meiner Zufriedenheit.
In der
Schule sah es dann schon anders aus, nicht immer gelang es mir, zu den verschiedenen
Aufgabenstellungen vorweisbare Bilder zu fertigen, die sich unser Kunsterzieher Egon
Ossig, auf einer mittelhohen Trittleiter sitzend, in meiner Mappe geordnet vor den
Zeugnissen zur Beurteilung zeigen ließ.
Da gab
es Blätter aus dem Bereich Erfahrung und Wissen, bei denen die äußere Form bis auf den
Millimeter festgelegt war, und für deren Gestaltung die verschiedensten Kunstschriften
erlernt werden mußten. Hierfür reichte es, willig und fleißig zu sein, während für
die frei zu gestaltenden Bilder eigene künstlerische Fähigkeiten zur Verfügung stehen
mußten, wenn nicht, wie von mir, ausrangierte Bilder der begabten und freigebigen
Freundin genutzt werden konnten.
Dem
Einfallsreichtum dieses Lehrers verdankte die Schule einen ungewöhnlichen,
übermannsgroßen Adventskalender, der aus 24 drehbaren Holztafeln zusammengesetzt war. In
jede Tafel war auf eine Seite ein weihnachtliches Motiv und eine Zahl geschnitzt, während
sich die Rückseite bunt bemalt zeigte. Die Entwürfe dazu hatten die verschiedenen
Klassen erarbeitet und den gelungensten dann von einem Könner auf das Holz übertragen
lassen.
Das
Prachtstück stand, mit Tannenzweigen geschmückt, über die Adventszeit hin im
Eingangsbereich der Schule. Jeden Morgen trafen sich Schüler und Lehrer rundherum und auf
der seitlichen Treppe zum Adventssingen und Türumdrehen, während die Adventskerzen
brannten.
Dona
nobis pacem im Kanon; es tönte so feierlich durch das Schulgebäude.
Oberursel, den 24. September 2006
Ursula Deutschmann
(Ulle Winnat)
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