EFFODIMUS  TERRA  NON  ABSQUE  LABORE  METALLA

Abitur 1958 an der RKS

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Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn

Entlassung und Kehraus der Abiturienten  

(Aus den Öffentlichen Anzeigen für den Harz vom 10.03.1958)

„Vorbei auf immer?“ So lautlos, weich und stetig fällt der Schnee, so dumpf in rastlosem Rhythmus hör’ ich das Hämmern der Räder auf den Schienen - schon fort - abiturii, die Fortgehenden. Vor ein paar Stunden noch, „wie lieblich alles war“, leichter Rhythmus, kecke Klänge, tanzende Füße - „gehabte Freude ... betroffen stehn wir plötzlich still ...“, wir, die Zurückbleibenden. Sind nicht wir es, an deren Schulter sich die Wehmut lehnt? 

Für die Eltern ist das Abitur unserer Kinder kein Abschluß, für uns ist es ein Abschnitt nur, sagte Dr. Gisevius bei der Entlassungsfeier der Abiturienten in der Aula der Robert-Koch-Schule. Zwar müssen auch wir sie nun entlassen, fortgeben aus der täglichen Hege des häuslichen Kreises; doch lassen wir sie nicht aus dem Leuchtturmkegel stets wacher Bereitschaft. Abitur: Abschluß und Anfang. Mit dem Reifezeugnis wird beides in einem besiegelt. Landrat Pusch verglich das Abitur mit der Grundsteinlegung zu einem neuen Gebäude. Einem Gebäude, das zunächst reiner Zweckbau sein kann (Gelegenheit und Erwerb), dessen Bau Berufung (Auftrag) werden möchte, und aus dessen Erbauern Wegbereiter werden sollten. - Ganz auf dies Neue hin waren naturgemäß die jungen Sprecher der beiden Parallelklassen gerichtet: Renate Krisch (13 S, acht junge Damen, ein junger Herr) und Wulf Vinnen (13 M, zwölf junge Herren, eine junge Dame). „Wir haben lange genug die Schulbank gedrückt.“ Das war gesagt im berstenden Drang des Flüggewerdens, des Sich-Erproben- und Bewährenwollens. Es war aber nicht gemeint im Sinn eines den lästigen Staub von den Füßen Schüttelns!

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In dankbarem Empfinden verband Renate Krisch die Freude auf die Freiheit sehr deutlich mit dem Wissen um das Eingebundensein in den Boden von Schule und Elternhaus. Sie anerkannte in wirklich „reifer“ Weise das Bestreben der Schule auch in dem jungen Menschen die Eigenwüchsigkeit gelten zu lassen, den jungen Menschen werden zu lassen, was er (anlagemäßig) ist. - Auch bei Wulf Vinnen, hier bei dem männlichen Sprecher noch etwas kämpferischer hervorgekehrt, das Greifen nach der Freiheit. „In unserem Alter lebt man besonders gern, wir haben keine Angst vor dem stählernen Schatten.“ Wir bejahen den Triumph der Naturwissenschaften, der Technik. Wir werden Wissen und Freiheit vereinen. Es klang ein wenig nach „Gewalt statt Bewältigung“. Diesen Unterschied machte Oberstudiendirektor Nothdurft, in dessen Sinne auch der Klassenleiter der 13 S, Studienrat Schulte, vor der Gefahr der Wissenschaft warnte und an den Schutz ethischer Bindungen gemahnte. Die ethische Reife sei nicht meßbar und lasse sich daher durch das „Reifezeugnis“ nicht dokumentieren. Die meßbare Auslese durch Leistungen führe zu besonderen Berechtigungen; darauf baue die ethische Auslese sich als Verpflichtung erst auf. - Der Klassenlehrer der 13 M, Studienassessor Siegert, als Naturwissenschaftler notgedrungen dem „rationalistischen“ Denken verhaftet, sprach in reifer „Erkenntnis des Umgreifenden“ von einem wahrhaft kosmischen Standpunkt aus über die vor allem anzustrebende Überwindung des Zwiespaltes von Naturwissenschaft und Naturverbundenheit, zwischen Ratio und Intuition.  

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Oberstudiendirektor Nothdurft verband mit dem feierlichen Höhepunkt der Zeugnisüberreichung eine Deutung des Begriffs der Bildung, die sowohl Begrenzung als auch Befruchtung aus der Spannung zwischen Wissen und Leben erhält. In dem Ausgleich dieser Spannung liegen Aufgabe und Verantwortung der Schule. Seit dem Menschen durch den Mythos hindurch der Durchbruch zum vernunftgerichteten Denken zum ersten Mal gelungen ist - und dieser Durchbruch will von jedem einzelnen Menschen ständig von neuem erkämpft werden -, seitdem steht der Mensch in der dauernden Gefahr, daß das Wesen vom Wissen verschüttet wird. „Der Mensch strebt nach dem Wissen von Gut und Böse, aber es gelingt ihm nicht, gut zu sein. Es herrscht die Gewalt, aber nicht die Bewältigung, welche letztere ohne die ethische (göttliche) Bindung nicht zu erlangen ist.“

Im festlichen Kreis aller Gäste begrüßte Oberstudiendirektor Nothdurft vor allem Oberkreisdirektor Kerl, Landrat Pusch, Bürgermeister Dr. Ahrens und Dr. Schmiedeberg. Musikalisches und Poetisches waren sinnvoll der Feier angepaßt. Sinnvoll und gekonnt: Fräulein Studienrätin Schauer leitete Schulchor und -orchester mit einer Pachelbelkantate. Ulrich Dennert spielte ein Orgelpräludium (d-moll) von Bach mit bemerkenswerter Sicherheit. Wie schön, daß an der Oberschule Gelegenheit zur Ausbildung an der Orgel ist. Gedichtetes von Goethe, Mörike und R.A. Schröder wurde „einer höheren Schule würdig“ vorgetragen.  

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Den Ernst der morgendlichen Feier begleitend, „folgten andre Freuden“ am Abend in Wolfs Hotel: der Abiball! Viele Gäste: über 200 Einladungen waren hinausgeflogen; die Lehrerschaft mit Damen, die Eltern, auch Verwandte und Freunde, die Klasse 12, ehemalige Schüler und die „22 unreifen Geister“ selber. Sie zeigten sich aber durchaus nicht unreif, und ihr Geist schien gar nicht „verreist“! Allein die Saaldekoration: die veristischen Porträts der Klassenkameraden in irgend einer markanten Typisierung als „Säulenheilige“ montiert. Die aus Dichtung und Wahrheit konstruierten Szenen: Lehrer und Schüler in heiklen und heiteren Situationen. Z.B. „der Alte“, auch genannt „der Kommisarische“ fährt im Buntenbocker Express mit 40-km-Tempo und Anhänger (5 Söhne) zur RKS. Sein Ältester gegenüber als „Sprinterstar“. Vor der Bühne der Werdegang der Klasse in launigster Symbolik. Rechts und links der Bühne als Übermenschen die beiden Klassenlehrer, unverkennbar! Und was rollte da alles über die Bühne! Die „Teuflischen“, die ihre Lehrer übermütig durch den Kakao zogen, bzw. im Fegefeuer verlodern ließen: Ich hab’ es getragen 13 Jahr’, ich kann es nicht tragen mehr! - Der Bundestag, der den „immer weiterschreitenden Fortschritt“ der RKS (nebenbei RKS – Raketen-Konstruktion-Station) zu verhindern suchen muß - die RKS ist zu vornehm geworden - und der auch sonst so viel auszusetzen hat, daß man es dort oben für angebracht hält, die Vertrauensfrage zu stellen: Verehrtes Lehrerkollegium, wollen Sie nicht endlich zurücktreten? - „Wer ist wer?“ war die Testfrage einer Lehrerparade. Da kamen die im Lehrplan zu kurz gekommenen musischen Talente der darstellenden Schüler in einem frappanten „Wie er sich räuspert und wie er spuckt“ wahrhaft zwerchfellerschütternd zur Geltung! - Unterrichtsstunde im Jahre 1984 mit Mond- und Marsmenschen, ein Gaudium sondergleichen.  

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Übel zu nehmen war nichts, denn: was sich neckt, das liebt sich. Vergessen wurde nicht der Oberschulrat, der alle Klippen gütig umschiffte (siehe die „nicht durchgeführten Geschichtsprüfungen“). Solches alles dokumentarisch verankert in der Abi-Zeitschrift „Reife und Überreife“, die sich am Abend als heitere Schulakte dem morgendlichen ernsten Papyrus des Reifezeugnisses zugesellte. Die Schülerkapelle aus Goslar spielte mit Elan und Ausdauer. Der Tanz der Jugend schien von besonderer Gelöstheit. „Anmut ist eine bewegliche Schönheit“, sagt Schiller, und an anderer Stelle: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Das Zitat möge für das „Niveau“ des Abends stehn und zugleich zum Ausdruck bringen, daß solch ein Kehraus nicht im trockenen Erinnerungsheu lähmender Aschermittwochsstimmung verblassen wird.

(Der Originaltext ist unterzeichnet mit: Esa)  

Und so sah sie aus, unsere "Jubileumsausgabe"!

Robert Koch, geboren in Clausthal
Robert Koch wurde am 11.12.1843
in Clausthal geboren und starb am
27.05.1910 in Baden-Baden
Das Clausthaler Wappen

Das Clausthaler Wappen