Für die Eltern ist das
Abitur unserer Kinder kein Abschluß, für uns ist es ein Abschnitt nur, sagte Dr.
Gisevius bei der Entlassungsfeier der Abiturienten in der Aula der Robert-Koch-Schule.
Zwar müssen auch wir sie nun entlassen, fortgeben aus der täglichen Hege des häuslichen
Kreises; doch lassen wir sie nicht aus dem Leuchtturmkegel stets wacher Bereitschaft.
Abitur: Abschluß und Anfang. Mit dem Reifezeugnis wird beides in einem besiegelt. Landrat
Pusch verglich das Abitur mit der Grundsteinlegung zu einem neuen Gebäude. Einem
Gebäude, das zunächst reiner Zweckbau sein kann (Gelegenheit und Erwerb), dessen Bau
Berufung (Auftrag) werden möchte, und aus dessen Erbauern Wegbereiter werden sollten. -
Ganz auf dies Neue hin waren naturgemäß die jungen Sprecher der beiden Parallelklassen
gerichtet: Renate Krisch (13 S, acht junge Damen, ein junger Herr) und Wulf Vinnen (13 M,
zwölf junge Herren, eine junge Dame). Wir haben lange genug die Schulbank
gedrückt. Das war gesagt im berstenden Drang des Flüggewerdens, des Sich-Erproben-
und Bewährenwollens. Es war aber nicht gemeint im Sinn eines den lästigen Staub von den
Füßen Schüttelns!
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In dankbarem Empfinden verband Renate Krisch die Freude auf die
Freiheit sehr deutlich mit dem Wissen um das Eingebundensein in den Boden von Schule und
Elternhaus. Sie anerkannte in wirklich reifer Weise das Bestreben der Schule
auch in dem jungen Menschen die Eigenwüchsigkeit gelten zu lassen, den jungen Menschen
werden zu lassen, was er (anlagemäßig) ist. - Auch bei Wulf Vinnen, hier bei dem
männlichen Sprecher noch etwas kämpferischer hervorgekehrt, das Greifen nach der
Freiheit. In unserem Alter lebt man besonders gern, wir haben keine Angst vor dem
stählernen Schatten. Wir bejahen den Triumph der Naturwissenschaften, der Technik.
Wir werden Wissen und Freiheit vereinen. Es klang ein wenig nach Gewalt statt
Bewältigung. Diesen Unterschied machte Oberstudiendirektor Nothdurft, in dessen
Sinne auch der Klassenleiter der 13 S, Studienrat Schulte, vor der Gefahr der Wissenschaft
warnte und an den Schutz ethischer Bindungen gemahnte. Die ethische Reife sei nicht
meßbar und lasse sich daher durch das Reifezeugnis nicht dokumentieren. Die
meßbare Auslese durch Leistungen führe zu besonderen Berechtigungen; darauf baue die
ethische Auslese sich als Verpflichtung erst auf. - Der Klassenlehrer der 13 M,
Studienassessor Siegert, als Naturwissenschaftler notgedrungen dem
rationalistischen Denken verhaftet, sprach in reifer Erkenntnis des
Umgreifenden von einem wahrhaft kosmischen Standpunkt aus über die vor allem
anzustrebende Überwindung des Zwiespaltes von Naturwissenschaft und Naturverbundenheit,
zwischen Ratio und Intuition.
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Oberstudiendirektor
Nothdurft verband mit dem feierlichen Höhepunkt der Zeugnisüberreichung eine Deutung des
Begriffs der Bildung, die sowohl Begrenzung als auch Befruchtung aus der Spannung zwischen
Wissen und Leben erhält. In dem Ausgleich dieser Spannung liegen Aufgabe und
Verantwortung der Schule. Seit dem Menschen durch den Mythos hindurch der Durchbruch zum
vernunftgerichteten Denken zum ersten Mal gelungen ist - und dieser Durchbruch will von
jedem einzelnen Menschen ständig von neuem erkämpft werden -, seitdem steht der Mensch
in der dauernden Gefahr, daß das Wesen vom Wissen verschüttet wird. Der Mensch
strebt nach dem Wissen von Gut und Böse, aber es gelingt ihm nicht, gut zu sein. Es
herrscht die Gewalt, aber nicht die Bewältigung, welche letztere ohne die ethische
(göttliche) Bindung nicht zu erlangen ist.
Im festlichen Kreis aller
Gäste begrüßte Oberstudiendirektor Nothdurft vor allem Oberkreisdirektor Kerl, Landrat
Pusch, Bürgermeister Dr. Ahrens und Dr. Schmiedeberg. Musikalisches und Poetisches waren
sinnvoll der Feier angepaßt. Sinnvoll und gekonnt: Fräulein Studienrätin Schauer
leitete Schulchor und -orchester mit einer Pachelbelkantate. Ulrich Dennert spielte ein
Orgelpräludium (d-moll) von Bach mit bemerkenswerter Sicherheit. Wie schön, daß an der
Oberschule Gelegenheit zur Ausbildung an der Orgel ist. Gedichtetes von Goethe, Mörike
und R.A. Schröder wurde einer höheren Schule würdig vorgetragen.
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Den Ernst der morgendlichen
Feier begleitend, folgten andre Freuden am Abend in Wolfs Hotel: der Abiball!
Viele Gäste: über 200 Einladungen waren hinausgeflogen; die Lehrerschaft mit Damen, die
Eltern, auch Verwandte und Freunde, die Klasse 12, ehemalige Schüler und die 22
unreifen Geister selber. Sie zeigten sich aber durchaus nicht unreif, und ihr Geist
schien gar nicht verreist! Allein die Saaldekoration: die veristischen
Porträts der Klassenkameraden in irgend einer markanten Typisierung als
Säulenheilige montiert. Die aus Dichtung und Wahrheit konstruierten Szenen:
Lehrer und Schüler in heiklen und heiteren Situationen. Z.B. der Alte, auch
genannt der Kommisarische fährt im Buntenbocker Express mit 40-km-Tempo und
Anhänger (5 Söhne) zur RKS. Sein Ältester gegenüber als Sprinterstar. Vor
der Bühne der Werdegang der Klasse in launigster Symbolik. Rechts und links der Bühne
als Übermenschen die beiden Klassenlehrer, unverkennbar! Und was rollte da alles über
die Bühne! Die Teuflischen, die ihre Lehrer übermütig durch den Kakao
zogen, bzw. im Fegefeuer verlodern ließen: Ich hab es getragen 13 Jahr, ich
kann es nicht tragen mehr! - Der Bundestag, der den immer weiterschreitenden
Fortschritt der RKS (nebenbei RKS Raketen-Konstruktion-Station) zu verhindern
suchen muß - die RKS ist zu vornehm geworden - und der auch sonst so viel auszusetzen
hat, daß man es dort oben für angebracht hält, die Vertrauensfrage zu stellen:
Verehrtes Lehrerkollegium, wollen Sie nicht endlich zurücktreten? - Wer ist
wer? war die Testfrage einer Lehrerparade. Da kamen die im Lehrplan zu kurz
gekommenen musischen Talente der darstellenden Schüler in einem frappanten Wie
er
sich räuspert und wie er spuckt wahrhaft zwerchfellerschütternd zur Geltung! -
Unterrichtsstunde im Jahre 1984 mit Mond- und Marsmenschen, ein Gaudium sondergleichen.
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Übel zu nehmen war nichts,
denn: was sich neckt, das liebt sich. Vergessen wurde nicht der Oberschulrat, der alle
Klippen gütig umschiffte (siehe die nicht durchgeführten
Geschichtsprüfungen). Solches alles dokumentarisch verankert in der Abi-Zeitschrift
Reife und Überreife, die sich am Abend als heitere Schulakte dem
morgendlichen ernsten Papyrus des Reifezeugnisses zugesellte. Die Schülerkapelle aus
Goslar spielte mit Elan und Ausdauer. Der Tanz der Jugend schien von besonderer
Gelöstheit. Anmut ist eine bewegliche Schönheit, sagt Schiller, und an
anderer Stelle: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Das Zitat
möge für das Niveau des Abends stehn und zugleich zum Ausdruck bringen, daß
solch ein Kehraus nicht im trockenen Erinnerungsheu lähmender Aschermittwochsstimmung
verblassen wird.