Respekt für streitbaren
Machtmenschen
Musikalisch umrahmt von einem Streicherquartett der beiden Gymnasien rankte sich ein gut Teil der Reden um den streitbaren Machtmenschen Jürgen Schneider. Bürgermeister Andreas Rieckhof stellte klar: „Er hat die Stadt, da mögen die Kritiker sagen, was sie wollen, geprägt. Er hat Stade seinen Stempel aufgedrückt.“ Rieckhof erinnerte daran, wie Schneider von Beginn seiner Laufbahn an den Weg ebnete für die Industrieansiedlung. Bereits 1971 zeichnete er, beim Landkreis beschäftigt, verantwortlich für die Infrastrukturmaßnahmen im Industriegebiet Bützflethersand. Nach einer Zwischenstation im Innenministerium wurde der Sozialdemokrat 1972 mit Stimmen von CDU und SPD zum Stadtdirektor gewählt. Und wirkte fortan, bis 1994, als „Motivationskünstler“ und „Mehrheitenbeschaffer, der alle Tricks kannte“, so seine Mitarbeiter. Und er sei keinem Streit aus dem Weg gegangen. Dennoch dürfe nicht vergessen werden, dass Schneider durch seinen ausgeprägten Gestaltungswillen Stade „in eine andere Liga der Städte katapultiert“ habe, so Rieckhof. Die innere Unabhängigkeit und Eigenwilligkeit Schneiders haben dazu geführt, dass er schwer zuzuordnen ist. Dr. Gottfried Kiesow von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gestand, „ich habe ihn lange Zeit für ein CDU-Mitglied gehalten“. Der 70-Jährige sei kommunalpolitisch und landespolitisch einer der bedeutendsten Kämpfer für den Denkmalschutz gewesen. Für Stade mit seinem „Charme des schleichenden Verfalls“ sei Schneider aus der Asche aufgestiegen wie Phönix. Dr. Martin Biermann, Vorsitzender des Deutschen Städtetages, bezeichnete Jürgen Schneider als „authentischen Menschen“ mit festen Prinzipien, der sich nie dem Zeitgeist unterworfen habe. „Fragen nach der Glaubwürdigkeit brauchten Sie sich nie stellen zu lassen.“ Der ehemalige Superintendent und Schneider-Freund Rudolf Rengstorf meinte, dass der ehemalige Stadtdirektor als lutherischer Christ völlig unanfällig gegenüber menschlicher Heilsversprechen sei und „im Innersten ganz unabhängig von Ehrungen irgendwelcher Art“. Die persönlichste Rede war Horst Eylmann vorbehalten, dem Weggefährten aus dem christdemokratischen Lager. Er zitierte den Göttinger Philosophen Georg Christoph Lichtenberg: Es sei fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen. Schneider, der Unternehmer, nicht Unterlasser, habe bei der Durchsetzung seiner Pläne für die Stadt Stade die Fackel geschwenkt und sei damit manchmal auch unvorsichtig umgegangen und habe den einen oder anderen Bart angesengt. Er selbst habe sich häufig mit Schneider gestritten, „aber nie ernsthaft erzürnt und er hat mir nie das Du entzogen“. Mit dem Ergebnis von Schneiders 22-jähriger Regierungszeit könnten die Stader zufrieden sein. „Und wenn einige wenige immer noch ihre angesengten Bärte befummeln, was stört das eine niedersächsische Eiche.“
Kopiert aus: Tageblatt-online, Die Online-Zeitung für den Landkreis Stade vom 03.03.2008
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